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In unserem Blog findest du Artikel zu Themen, die uns, Kund*innen oder Kolleg*innen in der Arbeit mit Menschen und Organisationen beschäftigen.

Wir sammeln Berichte aus Seminaren und Lernwegen, erzählen von unseren Aktivitäten im MCV-Spirit, MCV Cinema oder von unseren Explore-Workshops.

Auch Gastautoren, deren Denken und Handeln uns anspricht, wollen wir zu Wort kommen lassen.

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Die Bedeutung von Strukturen und worauf es wirklich ankommt

In ihrem Blog kommt Sarah Büchel zum Schluss: „Es braucht Menschen, die Initiative ergreifen, mutig sind, Tabus brechen, zu ihren Meinungen stehen und diese entsprechend vertreten können."

Mit der Einführung des neuen Lehrplans 21 in der Schweiz wird der Unterricht auf die Kompetenzen der Schüler*innen ausgerichtet. Das Lernen soll vermehrt individualisiert und selbstorganisiert stattfinden. Entscheidend ist – welche Kompetenzen am Ende eines Schuljahres erreicht sind und weniger – wie sie erworben worden sind. Es wachsen vermehrt junge Menschen heran, die es gewohnt sind, sich selbst zu «führen», zu organisieren und für sich selber Verantwortung zu übernehmen. Doch was hat das mit Organisationsentwicklung, einem Kernangebot des Management Center Vorarlberg zu tun?

Meine Hypothese ist, dass junge Heranwachsende verstärkt – auch aufgrund ihrer Sozialisierung – einen verantwortungsvollen und selbstbestimmten Job übernehmen wollen. Sie sind, dank der weltweiten Vernetzung über Social Media, des gestiegenen Bewusstseins für die Kinderrechte (z.B. Recht auf Partizipation) und der frühen Politisierung (auch aufgrund des verbesserten Informationszuganges) gewohnt, mitzureden, mitzugestalten und mitzuentscheiden. Die Klimademonstrationen, an denen tausende Jugendliche teilnehmen – zeigen uns, dass hier eine neue Generation heranwächst, die sich mit ihrer Zukunft auseinandersetzt. Diese jungen Menschen möchten einen Beruf ausüben, in dem sie Sinn finden können. Bei einer Firma oder einer Organisation zu arbeiten, deren purpose schleierhaft ist und einen Chef zu haben, der nach dem Prinzip «ich sage dir, was du zu tun hast» funktioniert, ist für diese Menschen kaum mehr eine Option. Und dieser Trend lässt sich nicht nur bei jüngeren Generationen erkennen, sondern es ist ein insgesamt sich verändernder Zeitgeist.

Viele Unternehmungen haben erkannt, dass sie ihre Führungskultur verändern müssen, wenn sie für junge Menschen attraktiv bleiben wollen. Neue Ansätze wie «Horizontal führen» von Adriaan Bekman, «Kollegiale Führung» von Oestereich/Schröder, das Konzept «Mitunternehmertum» von Rolf Wunderer usw. halten Einzug. Hinzu kommt, dass hierarchische Strukturen im Zeitalter von VUKA (Volatilität, Unsicherheit, Komplexität und Ambiguität) ineffizient und eher hinderlich sind. Mit der zunehmenden Globalisierung und dem Wunsch nach «out of the box thinking» gewinnen neue Methoden wie WOL (working out loud), Design Thinking bzw. neue Organisationsformen wie Soziokratie, Holakratie, Scrum etc. an Bedeutung.

Hat die Hierarchie – unter Berücksichtigung dieser Entwicklungen – ausgedient?

Oder anders gefragt: Wie viel Führung in Organisationen braucht es noch? Und wenn weniger Führung im Sinne von „Instruktionen, Regeln und Kontrolle“ gefordert wird – was wird stattdessen relevant? Was aus meiner Sicht unbestritten ist: Es braucht Menschen, die Initiative ergreifen, mutig sind, Tabus brechen, zu ihren Meinungen stehen und diese entsprechend vertreten können, sich für Minderheiten einsetzen, Spannungen angehen und schlussendlich in irgendeiner Form einen Beitrag zur Verbesserung der Welt leisten. Konzepte der Selbstorganisation streben an, dass alle Mitarbeitende einer Organisation in ein solches bewusstes Handeln hineinkommen. Hierzu braucht es Schulungen in der Selbstführung im Sinne von Selbstachtung, -reflexion und -wirksamkeit, so wie es Stefan Marti in seinem neuen Buch «Herausforderung Selbstführung – Die Kunst sich selbst zu führen» postuliert. Führung bekommt damit eine ganz andere Dimension: Sie ist nicht mehr nur als Funktion oder als personelle Führung zu verstehen, die einer kleinen Gruppe von Personen vorbehalten ist. Viel mehr ist sie eine Aufgabe und Kompetenz von jedem einzelnen Mitarbeitenden.

Unabhängig davon, ob Unternehmen hierarchisch oder sogar selbstorganisiert sind – entscheidend ist viel eher das Menschenbild, das die Organisationen bzw. deren Mitarbeitende in sich tragen und das sich in ihrem täglichen Verhalten wiederspiegelt. Wird eine Kultur gelebt, die auf Augenhöhe, Respekt, Zu- und Vertrauen, Selbstführung und Eigenverantwortung basiert, so können auch hierarchische Führungsformen fruchtbar sein. Schafft es eine Organisation tatsächlich, solche Werte auch zu leben, dann stellen sich ganz neue Fragen, wie beispielsweise: Wie können Entscheidungen in Gruppen getroffen werden? Wie gehen wir offen mit Konflikten um? Was für minimale Rahmenbedingungen brauchen wir, damit bei uns der ganze Mensch zum Tragen kommt? Letzteres ist für das Management Center Vorarlberg besonders wichtig, weshalb wir uns mit unseren Angeboten immer wieder auf die Frage ausrichten: Wo macht der Mensch den Unterschied?

Sarah Büchel ist Kooperationspartnerin des Managment Center Vorarlberg.