wissen, was bewegt
Mariann Spycher
14. Januar 2019

Klar in der Sache, freundlich zum Menschen

Das Fachmagazin „changement“ wurde 2016 aus dem Handelsblatt-Verlag gelauncht. Themenfokus ist Change Management, also die Gestaltung von Veränderungsprozessen in Unternehmen. Zielgruppe des Magazins sind vor allem Führungskräfte, die neben der eigentlichen Führungsarbeit auch Change Projekte leiten und steuern.

„Kontraste“ greift kontroverse Debatten auf. Zwar ist im Change Management nichts nur so oder nur anders. Mittelwege bieten meist bessere Lösungen. Deutliche Positionen helfen aber, die eigenen Sicht- und Vorgehensweise zu klären. In dieser Debatte geht es um die Fragen, ob negativ besetzte Begriffe bei der Gestaltung des Wandels verwendet werden sollten oder nicht.

In der Ausgabe 07/2018 beziehen Mariann Spycher und Axel Ebert Stellung zum Thema: Ehrlichkeit oder Euphemismen?

Den gesamten Artikel finden Sie unter folgendem Link.

„Houston, wir haben gerade ein Problem“, funkte die Besatzung von Apollo 13 im April 1970 an die Bodenstation.

Nach der Explosion eines Sauerstofftanks befanden sich die drei Astronauten in einer höchst misslichen Lage zwischen Erde und Mond. „Kopf hoch“, würden ihnen heute viele Trainer, Manager und Consultants zurufen und von einer „Herausforderung“ sprechen. Eine Herausforderung sei zukunfts- und handlungsorientiert, ein Problem eher lähmend. Denn genauso wie Kleider Leute machten, bestimme die Sprache unsere Stimmung. Weil wir mit Worten auch Werte verbinden, sei es gerade in den schwierigen (besser: interessanten) Zeiten des Wandels wichtig, welche Begriffe wir wählen. Dafür gibt es inzwischen lange Listen mit netten Wörtern: „freisetzen“ statt „entlassen“, „überrascht“ statt „stinksauer“, „überdenken“ statt „missbilligen“. Damit aus „talk positive“ der Eindruck „think positive“ entsteht.

„Ja, aber“ – „aber“ gehört durch seine Widerrede ebenfalls zu den negativ besetzten Begriffen –, werfen Skeptiker ein und verweisen auf die These des Sprachpsychologen Steven Pinker von der Euphemismus-Tretmühle: Schönfärbende Wörter würden sich ziemlich rasch abnutzen, die negative Bedeutung des früheren Ausdrucks annehmen und als Zeichen übertriebener politischer Korrektheit gewertet werden. Viele Zuhörer würden sogar mit den Augen rollen (besser: einen „room for improvement“ sehen) und meinen, man solle nicht die Sprache, sondern den Zustand verbessern. „Bitte“, „danke“ und eine generell freundliche Ausdrucksweise gehören zur guten Kinderstube. Wie wählt man jedoch in Zeiten des Wandels seine Worte, ohne unschöne Sachverhalte, die bei jeder Veränderung auftreten, zu sehr zu verbrämen?

Mariann Spycher

Mariann Spycher ist Partnerin des Management Center Vorarlberg. Sie versteht sich als Vermittlerin und Brückenbauerin zwischen Abteilungen, Teams oder Hierarchiestufen. Seit über 20 Jahren begleitet sie Unternehmen durch Veränderungsprozesse.

Ihre Sicht:
Mit freundlicher Kommunikation wirken wir gerade auch
in krisenhaften Situationen stabilisierend. Wenn wir in der
Kommunikation zwischen Sache, persönlicher Wahrnehmung,
Interpretation und Empfindung unterscheiden, dann beziehen
wir klar Stellung und bleiben gleichzeitig dem Menschen zugewandt.
Klar in der Sache, freundlich zum Menschen
Die Fähigkeit zur Empathie macht uns Menschen einzigartig und unterscheidet uns von allen noch so beeindruckenden Gerätschaften. Diese Fähigkeit kommt uns auch in der Kommunikation mit anderen Menschen zugute: Wir können im Gespräch auf sie zugehen und unser Gegenüber als eigenständige und fühlende Persönlichkeit wahrnehmen. Mit dieser Haltung müssen wir auch klare Worte nicht scheuen oder schönfärben.

Eine freundliche Sprache gehört zu den guten Umgangsformen. Sie schafft eine Brücke zwischen Menschen, die verschiedene Standpunkte vertreten, Ereignisse unterschiedlich wahrnehmen und erleben. Nur im respektvollen Umgang miteinander können neue Ideen entstehen. Gerade in Change-Prozessen ist dies von entscheidender Bedeutung.

Freundlich ist nicht oberflächlich
Dennoch unterscheiden wir deutlich zwischen freundlich und oberflächlich. Das „höfliche Gespräch“ oder „talking nice“, wie Claus Otto Scharmer es nennt, bleibt an der Oberfläche, reproduziert Gewohntes und benennt nichts Unangenehmes oder Trennendes. In der Debatte („talking tough“) werden hingegen unterschiedliche Standpunkte aufgedeckt. Gerade hier werden die freundlichen Worte wichtig: Es gilt, klar und unmissverständlich zu sprechen, nicht aber das Gegenüber und seine Haltung mit einer unangemessenen Sprache abzuwerten oder gering zu schätzen. Nur so wird der Gesprächspartner wirklich zuhören. Eine auch in der Wortwahl angemessene Konfrontation hat die Chance, die Türe zu einem wirklichen Dialog zu öffnen.

Zeiten des Wandels sind bewegte Zeiten, die Betroffene emotional fordern und an die Grenzen des für sie Zumutbaren bringen können. Wenn Organisationen weniger Sicherheit und Orientierung bieten, dann erhalten stabile, zuverlässige (Führungs-)Beziehungen ein zusätzliches Gewicht. In dieser Situation müssen Führungskräfte zur Empathie fähig sein, um Mitarbeiter durch die Turbulenzen der Veränderung zu führen. Agieren Führungskräfte unfreundlich oder gar unmenschlich, dann verschließen sich die Mitarbeiter und tragen eine Veränderung nicht wirklich mit.

Stellung beziehen
Mit einer freundlichen Kommunikation können wir gerade auch in krisenhaften Situationen stabilisierend wirken. Eine freundliche, reflektierte Sprache bereitet den Boden dafür, dass Menschen sich einbringen können. Die gewaltfreie Kommunikation von Marshall Rosenberg hat sich als Methode bewährt, um bewusst zwischen der Sache und der Person zu trennen. Die Kommunikation sollte hart und klar in der Sache, aber weich und wertschätzend zur Person sein. Wenn wir zwischen der Sache, unserer persönlichen Wahrnehmung, unserer Interpretation und Empfindung unterscheiden können, dann beziehen wir klar Stellung und bleiben gleichzeitig dem Menschen zugewandt. Wir lassen ihm die Freiheit, anders zu denken und zu fühlen.

Freundliche Worte sind keine oberflächlichen Worte. Sie sind höflich, wertschätzend und klar und sorgen damit für einen menschlichen, respektvollen Umgang miteinander. Auch in Krisenzeiten.

Mariann Spycher