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Blog

In unserem Blog findest du Artikel zu Themen, die uns, Kund*innen oder Kolleg*innen in der Arbeit mit Menschen und Organisationen beschäftigen.

Wir sammeln Berichte aus Seminaren und Lernwegen, erzählen von unseren Aktivitäten im MCV-Spirit, MCV Cinema oder von unseren Explore-Workshops.

Auch Gastautoren, deren Denken und Handeln uns anspricht, wollen wir zu Wort kommen lassen.

Wichtig ist uns, dass die Berichte wertvoll sind. Deine Aufmerksamkeit und deine Zeit sind kostbar!

Vom bewussten Umgang mit der Arbeitszeit

Unsere Lebenszeit ist jene Ressource, in der sich unser gesamtes Leben ereignet. Leider ist sie nicht unendlich verfügbar. Was hindert uns also daran, in allen Lebenswelten einen bewussten Umgang mit dieser wertvollen Ressource zu pflegen?

Haben Sie Zeit?

Die Frage nach der Verfügbarkeit von Zeit stellten wir uns im Rahmen einer Weiterbildung mit Alfried Längle, Existenzanalytiker und Arzt. „Zeit können wir niemals ‚haben‘. Zeit können wir uns nur nehmen. Für das, was uns wichtig ist und für uns Bedeutung hat.“

Lebenszeit als existenzielle Ressource, in der sich unser gesamtes Leben ereignet und gleichzeitig nicht unbegrenzt verfügbar ist. Was sollte uns also hindern, einen bewussten Umgang mit unserer Zeit zu pflegen? Vor diesem Hintergrund bekommt auch die Arbeits-Zeit eine andere Bedeutung.

Eine Neubewertung der Ressource Arbeitszeit

1. Arbeitszeit als quantitative Ressource: Zeit in der konzentriert, fokussiert, strukturiert und zielgerichtet gearbeitet wird, z.B. das Abarbeiten von Aufgaben im Modus des „Single-tasking“. Diese Arbeitsweise ermöglicht eine umso größere Produktivität, je ungestörter gearbeitet werden kann und entspricht den Grundsätzen von gehirngerechtem Arbeiten. Ein konkretes Ziel wird für einen bestimmten Zeitraum angestrebt, mehrere Arbeitsschritte werden als Etappen geplant. Auf diese Weise werden echte Erfolgserlebnisse generiert.

2. Arbeitszeit als qualitative Ressource: Zeit für Auseinandersetzung mit Komplexität wie z.B. Klären und Strukturieren von komplexen Fragestellungen, das Klären von Projektzielen im multidisziplinaren Umfeld, Suchen und Finden von Lösungen bei Fehlern, Aushandeln von Rollen, Besprechen von unerwarteten Vorkommnissen etc. Dies geschieht im Modus des dialogischen Gespräch wie z.B. das vernetzte, intuitive Denken „Slow-Thinking“ (Daniel Kahnemann, Julius Kuhl) oder des generativen Dialoges (C. Otto Scharmer). Diese Gespräche geben den Rahmen für eine vertiefende Begegnung mit Menschen, Anliegen oder Themen, die Resonanzerfahrungen ermöglichen (Hartmut Rosa).

Moderne Arbeitsmethoden wie Design Thinking aber auch Scrum oder Kanban vereinen die beiden Zeitmodi durch strukturiertes Vorgehen und Prozessorientierung. Die Erfahrung zeigt allerdings, dass die Anwendung der Methoden nicht automatisch für die Qualität der Ergebnisse oder des Prozesses garantieren.

Durch die Anwendung und Reflexion der Methoden können sich Haltungen weiterentwickeln, die persönliches Verhalten und Agieren steuern. Mehr Bewusstheit ist daher jedenfalls eine Grundlage für die Weiterentwicklung der Kultur in Unternehmen.

Arbeitszeit ist Lebenszeit

Wir investieren jede Menge Lebenszeit in unseren Beruf. Sie geht auf in der Erfüllung von Rollen und Aufgaben, in der Weiterentwicklung von Strukturen und in der zunehmenden Effizienzsteigerung. Es ist daher nicht erstaunlich, dass sich Menschen zunehmend gegen eine Institutionalisierung und Objektivierung ihres Mensch-seins stemmen.

Die bunte Vielfalt an Teal-Organisationen zeigt deutlich, dass es den Menschen zunehmend um Sinn geht. Sie wollen Sinnvolles tun, Wertvolles erleben, einen Mehrwert stiften. Junge Menschen investieren sich zunehmend in purpose-orientierten Unternehmen.

Sinn ist aber nicht nur ein Thema von jungen Menschen. Jeder von uns sehnt sich nach einem Arbeitsleben, in dem wir Erfüllung und Sinn finden können, in dem wir selbst und unser Tätigsein einen Unterschied machen. Daher wollen gut ausgebildete Menschen, erfahrene Mitarbeitende und engagierte Führungskräfte ihr Arbeitsleben mitsamt seinem Kontext mitgestalten und mitverantworten.

Das fordert vor allem eine erhöhte Bereitschaft und Kompetenzen für eine Kultur der Auseinandersetzung. Dafür sind zusätzliche Strukturen für die Vernetzung von Erfahrung und Wissen, Talenten und Stärken nötig. Es braucht vor allem Zeit, Raum und Kompetenzen für das dialogische Gespräch, die Methode für eine gelingende Auseinandersetzung.

Eine Kultur der Auseinandersetzung fördert die Verbindlichkeit und Eigenverantwortlichkeit, vor allem aber die Produktivität von Menschen. In dieser Kultivierung von Arbeitszeit finden Menschen mehr Erfüllung, weil sie gesehen und ernst genommen werden. Sie werden angefragt und können ihre eigenen Werte, mit denen des Unternehmens in Einklang bringen.

Kultivierung im Umgang mit Arbeitszeit

Als OrganisationsentwicklerInnen befürworten wir die Kultivierung beider Arbeitsmodi. Sie ermöglichen eine produktive Wertschöpfung für das Unternehmen und entsprechen gleichzeitig den existenziellen Bedürfnissen und Werten der Menschen aller Generationen.

Unterstützende Rahmenbedingungen struktureller Natur wie z.B. Richtlinien und Prinzipien für die Arbeitsorganisation sowie das vorbildliche Verhalten von Führungskräften tragen dazu bei, dass sich ein sorgsamer Umgang mit Arbeitszeit kultiviert wird und sich im Unternehmen verankern kann.

Manager, Führungskräfte und Berater*innen wirken jenseits der Strukturen als Vorbilder. Je bewusster wir alle mit der Ressource Arbeitszeit umgehen, desto effizienter und effektiver wird die Zusammenarbeit, weil wir uns Zeit nehmen für das, was wichtig und wesentlich ist. Häufig stellt sich dann eine neue Gelassenheit ein, die sich erweiternd auf die quantitative und qualitative Zeit auswirkt. Ein schöner Nebeneffekt.

Das MCV gestaltet seit mehr als 45 Jahren Zeit-Räume für die Auseinandersetzung mit relevanten Themen des Führungs- und Arbeitsalltags zur Verfügung. Die Teilnehmer*innen erleben strukturiertes Vorgehen gepaart mit Zeit und Raum für Reflexion und persönliche Auseinandersetzung mit neuen Inhalten. Dieses Erfahrungslernen ermöglicht ein tieferes Verstehen von Zusammenhängen, öffnet die eigenen Perspektiven und erweitert persönliche Handlungsoptionen. Zudem macht die Auseinandersetzung mit sich selbst Sinn und Freude. Wir sehen es an den leuchtenden Augen und den lachenden Gesichtern.